Zusammenfassungen der Beiträge & Liste der Teilnehmer

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Laura  Auteri (Palermo)
Vom Krieg, von unbeständigen Grenzen - und von den Türken.
Der europäische Osten Der europäische Osten in Martin Zeillers Itinerarien (1632-1640)

Die Zeit um 1500 markiert eine deutliche Wende in den deutschsprachigen Ländern und in der deutschsprachigen Literatur der Vormoderne. Es ist die Zeit der Kaufleute, deren Eindrücke und Informationen, auch ganz praktischer Natur, einem an jeder Neuigkeit interessierten Publikum mitgeteilt werden. Es ist aber auch die Zeit der Expansion des osmanischen Reiches. Ost-Europa wird als ein von fremden und sich abwechselnden Herrschern besetztes und von blutigen Kriegen geplagtes Gebiet dargestellt, in dem jedoch auch die Chance eines Zusammenlebens verschiedener Völker wahrgenommen wird. Der Vortrag versucht anhand einiger Texte des 16. Jahrhunderts zu zeigen, wie das neue Bild Osteuropas entsteht und sich entwickelt, um dann auf die während des 30-jährigen Kriegs verfassten Itinerarien (1632-1640) von Martin Zeiller, mit dem die modernen Reiseführer in gewisser Weise ansetzen, einzugehen.

András F. Balogh (Klausenburg)
Josef Burg und der Mythos vom Untergang der deutschsprachigen Literatur aus der Bukowina

Josef Burg galt lange Zeit als der letzte Autor der deutschsprachigen Kultur aus der Bukowina, und folgerichtig wurde diese literarische Landschaft nach seinem Tod als verschwunden/untergegangen eingestuft. Der Vortrag dokumentiert zwar diesen Untergang am Beispiel von Josef Burg, hebt aber dann den österreichischen, rumänischen und russo-sowjetischen Kontext hervor, in dem Burg unterschiedliche gescheiterte Versuche unternahm, Fuß zu fassen und die Bukowina zumindest virtuell weiter leben zu lassen. Zuletzt entstand der Mythos von der Region als eine Landschaft der „Bücher“ (P. Celan). Der „Untergang“ wird relativiert dargestellt und die Bukowina als ein Symbol der Literaturwissenschaft und der Verantwortungsbewusstsein präsentiert. Die Texte von Josef Burg belegen und leiten gleichzeitig diese Wahrnehmung.

Marijan Bobinac (Agram)
Wien, Zagreb, Slunj. Zu den zentralen und peripheren Räumen
in Heimito von Doderers Roman Die Wasserfälle von Slunj

Heimito von Doderers Roman Die Wasserfälle von Slunj (1963), der einen kroatischen Toponym im Titel trägt und eine breit gefächertes Handlungsspektrum in mehreren habsburgischen Ländern der Jahrhundertwende mit Wien als Mittelpunkt bietet, ist von einer ausgesprochen dichotomischen Struktur gekennzeichnet, wobei den Oppositionen wie das Nahe und das Ferne, das Eigene und das Fremde, das Hegemoniale und das Subordinierte, das Zentrale und das Periphere, das Metropolitanische und das Provinzielle eine zentrale Rolle zugewiesen wird. Der Umstand aber, dass die Herrschaftsverhältnisse im Roman in Einklang mit jenen tatsächlichen der Habsburger Monarchie unkritisch evoziert werden, verweist darauf, dass das ‚Andere’ vom Autor durchaus nach den vorgeprägten kulturellen Stereotypen positioniert wird. Im grundsätzlich positiven Kroatien- und Kroatenbild zeigen sich daher Brüche: die Landschaften werden durch ihre hohe Ästhetisierung, die Menschen wiederum durch ihr Abhängigkeitsverhältnis zur dominanten Kultur definiert. Indem jedoch die Superiorität Wiens in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt wird, indem die wienzentrierten Figuren in all ihrer existenziellen Beziehungslosigkeit vorgeführt werden, werden auch ihre Defizite gegenüber den Menschen von den Peripherien der Donaumonarchie sichtbar. Der Herrschaftsdiskurs, der sich aus der Raum- und Figurenkonzeption des Romans ableiten lässt, wird somit relativiert.

Laura Cheie (Temeswar)
Paul Celans Zwischenraum. Zu einer literarischen Kippfigur

In seiner Meridian-Rede 1960 spricht Paul Celan unter anderem über den bodenlosen und ambivalenten Zwischenraum, in dem das Gedicht entsteht. Dass der jüdische deutschsprachige Exildichter und Übersetzer Dichtung in einem Dazwischen ansiedelt, ist nicht befremdlich. Der konkrete Zwischenraum in der Fremde entwickelte sich für ihn zu einem beständigen existentiellen Dazwischen, den Celan nur noch poetisch bewohnen konnte. Der folgende Beitrag stellt sich zur Aufgabe, die dichterische Beschaffenheit des Celanschen Zwischenraums, die oszillierende Bewegung der Mitte und die ambivalente Funktion vermittelnder Strukturen, die seine Geometrie beherrschen, anhand des Erklärungsmodells der Kippfigur zu erläutern.

Amy Colin (Pittsburgh)
Lieder als Rettungsanker, Lieder als Tabubruch  in der Topographie des Terrors

Die Realität eines die Vorstellungskraft übersteigenden Infernos kam in Gedichten und Liedern zum Ausdruck, die in den Todeslagern Transnistriens geschrieben und gesungen wurden. Welche Rolle spielte Dichtung für die Deportierten, insbesondere für Kinder und Jugendliche? Welche Bedeutung haben solche Zeitzeugnisse in Versen für die Nachwelt? Diesen Fragen geht der erste Teil meines Beitrages anhand einiger weitgehend unbekannter Beispielen nach. Es sind jiddische Lieder und Gedichte, die Teenagers im Jahre 1946 and 1947 in Deportationsberichten aufgezeichnet hatten. (Eine Ausgabe dieser wichtigen Shoah-Dokumente in deutscher Übersetzung wird im kommenden Frühjahr im Wilhelm Fink Verlag erscheinen). Im zweiten Teil meines Beitrages untersuche ich ein auf Jiddisch verfasstes Wiegenlied von Shike Driz über den Massenmord in Babi Yar. Es ist ein Lied, das er während der stalinistischen Diktatur verfasst und als Samisdat im Umlauf gebracht hatte, weil zu jener Zeit Stalin Juden verfolgen, zur Zwangsarbeit im Gulag verurteilen und nach Sibirien deportieren ließ. Dieses Weigenlied sowie das später entstandene Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko brachen ein Tabu: das Schweigen über den Holocaust in der Sowjetunion. Beide Gedichte zwangen die Zeitgenossen, sich mit dem Genozid auseinanderzusetzen. Das Wiegenlied von Shike Driz wurde in der Sowjetunion von der jüdischen Komponistin Rivka Boyarsky vertont und von der angesehenen Sängerin Nechama Lifshitz gesungen. Edith Silbermann nahm es in ihr Repertoire auf und trug es in Österreich und in der Bundesrepublik immer wieder vor. Dmitri Schostakowitsch vertonte Jewtuschenkos Gedicht und fügte es im Adagio seiner 13. Sinfonie in b-Moll op. 113 ein, die am 18.12.1962 im Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau aufgeführt wurde. Jewtuschenkos Gedicht motivierte Paul Celan, eine deutschsprachige Übersetzung zu verfassen. Im Rahmen meines Vortrages werde ich einige in Transnistrien gesungenen Lieder in der Interpretation von Ruth Levin, das Wiegenlied von Shike Driz in der Interpretation von Nechama Lifshitz sowie Edith Silbermanns Rezitation eines Gedichtes von Selma Meerbaum-Eisinger vorspielen.

Romanița Constantinescu (Bukarest/Heidelberg)
Das Herz in der Ortlosigkeit verorten. Zur Lyrik Paul Celans

Die imaginären Landschaften des Herzens weisen in der Lyrik Paul Celans ständig Bruchstellen auf, sind von Abwesenheit geprägt: ein Kahn ohne Getreide, ein Weg ohne Verkehr, Stege im Wasser. Topographisch sind sie schwer zu orten, auch weil sie irreale Welten darstellen, die weder einen Ausgangspunkt haben, noch das Ziel erahnen lassen und nicht einmal im „Dazwischen“ liegen. „Das Gespann“ für das Herz setzt dieses nur scheinbar in Bewegung: es läuft seinen Flucht-Phantasien stets hinterher, andererseits treibt es sie an. Unter seinen Monden ist das Herz selbst ein weiß schimmernder Planet. Die Ent-Ortung des Herzens ist mit der allerletzten Hoffnung verbunden, es einem abstrakten Ort der Begegnung näher zu bringen. Dieser Beitrag nimmt sich vor, der Raummetaphorik in Bezug auf das Herzsymbol in der Lyrik Paul Celans nachzugehen. Die Herangehensweise setzt mehr auf ein close als auf ein distant reading und versucht, den Sinn im und am Text entlang aufzuspüren, ohne dabei die langjährige historisch-biographische Hermeneutik des Werkes Paul Celans aus dem Blick zu verlieren.

Ioana Crăciun-Fischer (Bukarest)
Historische Realität und literarische Fiktion in Hugo Bettauers Prosawerk Der Kampf um Wien. Ein Roman vom Tage

Der Aufsatz versteht sich als Beitrag zu einer noch in den Kinderschuhen steckenden Bettauer-Philologie. Indem ich mein Augenmerk auf Hugo Bettauers Prosawerk „Der Kampf um Wien. Ein Roman vom Tage“ richte, verfolge ich ein mehrfaches Ziel: Einerseits möchte ich die vielfältigen Gegenwartsbezüge des Romans ausführlich analysieren, und dabei den Zeitdokumentcharakter dieses Werks sowohl in seiner literarspezifischen, ästhetischen Individualität als auch in seiner literarhistorischen Relevanz artikulieren; andererseits möchte ich in die wissenschaftliche Debatte nuancierend eingreifen, die über die An- oder die Abwesenheit eines habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur der Jahre 1918 bis 1938 geführt wird, um zu zeigen, dass Hugo Bettauers Prosawerk „Der Kampf um Wien. Ein Roman vom Tage“ trotz seines prononcierten Gegenwartsbezugs den habsburgischen Mythos weiterhin pflegt, wenn auch in einer nicht gleich durchschaubaren literarischen Tarnung. Nicht zuletzt strebe ich im vorliegenden Aufsatz eine psychoanalytische Interpretation des Werks „Der Kampf um Wien. Ein Roman vom Tage“ an, zumal der Romanautor Hugo Bettauer in seinem schriftstellerischen Werk nicht selten auf das Vokabular der Psychoanalyse zurückgegriffen hat

Moritz Csaky (Wien)
Zentraleuropa – eine hybride Semiosphäre

1876 hat der Wiener Geograph Friedrich Umlauft die Monarchie (Habsburg Central Europe) als einen Staat der „Contraste“ charakterisiert. Es ist dies eine Erkenntnis, die für Zentraleuropa insgesamt zutrifft: Konkurrierende und sich überlappende ethnische, kulturelle und sprachliche Pluralitäten, Heterogenitäten und Differenzen sind die charakteristischen Kriterien der Region. Für die Analyse eines solchen komplexen Systems bedarf es einer differenztheoretischen Hermeneutik. Aus der Perspektive eines handlungsorientierten Kulturbegriffs (Bronislaw Malinowski), eines kultursemiotischen (Jurij M. Lotman) oder eines postkolonialen Ansatzes (Homi K. Bhabha) soll versucht werden, eine solche hybride kulturelle Gemengelage einer eingehenderen kulturwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen. Dabei erweist sich Zentraleuropa als ein Laboratorium, in dem schon in der Vergangenheit Prozesse stattgefunden haben, die in einer globalisierten Welt von allgemeiner Relevanz geworden sind.

Larissa Cybenko (Lemberg/Wien)
Literarischer Freiraum Galizien: Provinz der Menschen

Der Beitrag ist dem Schaffen der fast unbekannten Dichterin, Schriftstellerin und Intellektuellen, einer der hervorragendsten Autorin der Avantgarde Debora Vogel, die 1900 in einer galizischen Provinzstadt geboren wurde, gewidmet. Als vielsprachige Persönlichkeit – Vogel verfasste ihre Gedichte und experimentelle Montageprosa auf Jiddisch, veröffentlichte die Essays, in denen sie sich mit den Fragen der modernen Kunst beschäftigte, auf Jiddisch und Polnisch, widmete sich vielen Fragen der eigenen Poetik in den Briefen aus Lemberg, die sie auf Polnisch und Deutsch schrieb --, gestaltete sie die literarische Moderne aktiv mit. Wenn ihre hermetisch-avantgardistische, vom Rhythmus, Geometrie und Stimmung geprägte Bilder, die die Zeit zum Raun erstarren ließen, in ihrer unmittelbaren künstlerischen Umgebung nicht immer adäquat rezipiert wurden (Vogel fühlte sich in ihrer damals zur Provinz gewordenen Heimat einsam und isoliert), konnte sie mit ihrem Werk den Zugang zur modernen Kunst in Europa und Amerika finden. So schuf sie ihren eigenen literarischen Freiraum, der im Spannungsbogen zwischen ihrer Heimatstadt Lemberg, wo sie lebte und mit der ganzen Familie während der Judenliquidation im August 1942 ermordet wurde, und solchen Zentren der künstlerischen Avantgarde wie Berlin, Paris und New York entstand. Es soll eine Analyse der vielsprachigen Dichtung und Prosa von Debora Vogel durchgeführt werden, um Affinitäten, Divergenzen und Beziehungen zwischen der Peripherie und Zentren aufzuzeigen sowie das Peripherische, das Leben in der „Provinz der Menschen“ als Nährboden für theoretische und ästhetische Voraussetzungen der Avantgarde darzustellen.

Enikő Dácz (München)
Das Burzenland zwischen Utopie und Erinnerung in den literarischen Memoiren von Egon Hajek und Sextil Puşcariu

Der Vortrag untersucht den Mythos vom Burzenland als das „andere Siebenbürgen“ und das Konstrukt des hiesigen von der Landschaft geprägten besonderen „Menschenschlags“, die hauptsächlich in der deutschsprachigen Literatur zur Region geprägt wurden. Dabei gilt das Augenmerk einer Gattung, die in der Fachliteratur weniger erforscht ist; der Fokus liegt auf literarische Memoiren, insbesondere auf Egon Hajeks Wanderung unter Sternen. Darin können mehrere Variationen des literarischen Topos Kronstadt – so wie sie in der deutschsprachigen Prosa und Lyrik erscheinen – aufgezeigt werden. Untersucht werden mit einem aus rezeptionsorientierten, konstruktivistischen, erinnerungs- und gedächtnisorientierten sowie narratologischen Ansätzen zusammengesetzten Instrumentarium u. a. die Konstrukte von Kronstadt und vom Burzenland als Erlebnisraum der Kindheit und Ort intensiven literarischen Lebens. Dabei dienen auch literarische Memoiren von maßgebenden Persönlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft – wie Sextil Puşcariu, Ştefan Baciu und Axente Banciu – als Referenzpunkte der Analyse.

Gabriel H. Decuble (Bukarest)
Homotopien in der experimentellen Lyrik. Von Ernst Jandl bis Oswald Egger

Die literarische Einbildungskraft vermag’s, die Topologie vermag’s auch: z.B. eine Teekanne in einen Donut zu verwandeln - denn es geht ja nur um reine Abbildungen, nicht um die gegenstände selbst. In der experimentellen Lyrik ist zwar beides vorhanden, zügellose Phantastik und mathematische Schaulust, doch selbst diese durchaus innovative Sprachkunst fußt auf der klassischen Poetik, der biblischen auch, in der das formlose Chaosbild durch den Schöpfungsakt zu Form und Ordnung findet. Ebendort (Gen 3:19) ist die Rückverwandlung des Menschen in Staub und Asche diskret-homotopisch beschrieben: pulvis es et in pulverem reverteris. Auf Grund von ausgewählten Texten zeitgenössischer Dichter und anhand einer Parallele zu Celans Homotopie von "Asche und Gold" soll gezeigt werden, inwiefern die experimentelle Lyrik sich von der mimetischen Poetik distanzieren kann.

Armin Eidherr (Salzburg)
Mythische Landschaften, kabbalistische Flucht(t)räume und symbolistische Stadtwelten in der Dichtung Isaac Schreyers.

Das Werk Isaac Schreyers, der 1890 in Wiżnitz (Bukowina) geboren wurde und 1948 in New York starb, blieb lange unbeachtet, wird aber seit dem Erscheinen der bislang umfangreichsten Ausgabe seiner Gedichte (Der Tag des Einsamen. Gedichte und Nachdichtungen, Aachen 2011) vermehrt in der Literaturwissenschaft rezipiert. Dieses sehr eigen- und einzigartige Werk ist vielleicht heute gerade wegen seiner Prägung durch die Herkunft des Dichters aus einer Stadt, die vor dem 2. Weltkrieg zumeist von Juden bewohnt war, in der ein berühmter „Wunderrabbi“ seinen Sitz hatte und in der man eine kabbalistische Weltsicht sozusagen mit der Karpatenluft einatmete, von besonderem Interesse. So verborgen und im Wesentlichen unbekannt geblieben sein Leben auch ist, in seinem dichterischen Werk, das sich durch intensive Intertextualität auszeichnet (Goethe, Hölderlin, George, Hofmannsthal, Rilke und Trakl wären hier u.a. neben der Bibel und Ovid, der neuen hebräischen und jiddischen Dichtung zu erwähnen), stellt er nicht nur die Conditio Judaica in der Diaspora dar, sondern erschafft darin auch ganz eigene symbolische Welten, seine Aufgabe explizit als die eines kabbalistischen Deuters einer Moderne begreifend, die die höchste Gottesferne erreicht hat. An ihm ist es, die in eine bedrohlich empfundene Welt verstreuten göttlichen Funken einzusammeln und eine Geistes- und Kultur-Welt (durchaus zwischen und über Sprachen und Kulturen) zu schaffen, für die der Celansche Begriff der „U-topie“ zutreffend erscheint. Durch seine Verwurzelung im Oben ist dieser spezielle Raum nicht von Kategorien wie Begrenztheit, Nation, ‚Zentrum vs. Peripherie‘ erfassbar.

Maria Carolina Foi (Triest)
Mitteleuropa als raumorientierte Literaturgeschichtsschreibung?
Den Habsburgischen Mythos von Claudio Magris neu lesen

In seiner 1963 publizierten Dissertation hat der junge italienische Germanist Claudio Magris eine bahnbrechende Studie zu Kulturlandschaften Mittelosteuropas dargelegt, die in der Zeit des kalten Krieges und des eisernen Vorhangs aus dem Blick des westeuropäischen literaturwissenschaftlichen Interesses geraten waren. In Italien wurde das Buch zuerst als eine sozialgeschichtliche Demythisierung der in Donaumonarchie dominierende politisch-kulturellen Ideologie gedeutet. Dass es dabei auch um eine neue Sichtweise auf die Verflechtung von Literatur, Raum und Geschichte handelte, die sich eine national und teleologisch orientierten Literaturgeschichtsschreibung entzog, wurde damals kaum wahrgenommen. Unter Rekurs auf eine ‘Toposforschung’ im Lichte der U-topie, die ungefähr in derselben Zeitspanne Paul Celan vorschwebte, könnte man sich fragen, ob eine implizite Poetik von Kulturräumen in erstem Buch von Magris am Werk ist, die auch für seine späteren, essaystischen und literarische Schriften bedeutend sein wird.

Ulrich Gaier (Konstanz)
Radetzkymarsch und Kakanien, oder Der Untergang einer Kultur

An den Romanen Joseph Roths und Robert Musils werden die in der Einladung zur Tagung aufgezählten sechs „Entwicklungslinien für Tagungsbeiträge paradigmatisch durchgespielt: Zentrum und Peripherie: Wien und die Randregionen. Mythos, Gedächtnis: z.B. muss Carl Joseph zur Kavallerie wegen eines Schulbuchtextes (Roth); z.B. „Gerichtshöfe gleichen Kellern, in denen die Weisheit der Vorvordern in Flaschen liegt; man öffnet diese und möchte darüber weinen, wie ungenießbar der höchste, ausgegorenste Grad menschlicher Genauigkeitsanstrengung wird, ehe er vollkommen ist.“(Musil) Identität, Differenz: vier Generationen Trotta sind verschieden, aber sie sind alle demselben Bild verpflichtet (Roth); „Diotima“ heißt eigentlich Hermine, nennt sich Ermelinda und wird von Ulrich „Diotima“ genannt (Musil). Diskurse: die Christusfunktion Österreichs (Roth); „Das Prinzip des unzureichenden Grundes“ (Musil). Symbolische Welten: Radetzky marschiert, Trotta trottet (Roth); Tuzzi schnarcht (Musil). Sprachliche Reflexion: „Ehre“ (Roth); neue Sprache gegen die „fertige Sprache nicht nur der Zunge, sondern auch der Empfindungen und Gefühle“ (Musil). Herausgearbeitet wird eine neue Denkform, die beiden Romanen gemeinsam ist und die Musil im ersten Abschnitt seines Romans vorführt.

Peter Goßens (Bochum)
Das Europa der Ränder. Karl-Markus Gauß’ Archäologie der mitteleuropäischen Kulturen

›Die Vernichtung Mitteleuropas‹ lautet der Titel eines Essaybandes, den der österreichische Publizistik und Europareisende Karl Markus Gauß 1991 vorlegte. Seitdem lotet er in zahlreichen Essaybänden, Reisereportagen und Anthologien, die Grenzen des nach 1989/1990 wiederzuentdeckenden Mitteleuropa von ihren Rändern her immer wieder neu aus. In den Blick gerät dabei eine Welt, die vielfach dem Verschwinden anheim gegeben ist: Er besucht die vergessenen kulturellen Metropolen einer Landschaft, in der einst »Menschen und Bücher lebten‹, und stellt die Ruinen des dortigen Kulturlebens vor. Er reist zu den letzten Vertretern von Völkern und Volksgruppen, deren Namen archaisch wirken und die dennoch die Vielfalt dessen ausmachen, was man unter Mitteleuropa verstehen kann: Assyrer, Aromunen, Karaimen, Sepharden, Zimbern und Zips sind alle dem Untergang geweiht, in nur wenigen Jahren werden nur noch die Bücher von Gauß und anderen an diese jahrtausendealten Kulturen erinnern. Der Vortrag möchte den Kartierungsprojekt von ›Barbaropa‹ folgen, das Gauß in den letzten 30 Jahren unternommen hat und versuchen, sein »europäisches Alphabet« von Mitteleuropa nach zu buchstabieren.

Martin A. Hainz (Wien)
„as if he had spoken“

Dracula (und mit ihm sein Gebiet) als Opfer der Kolonialisierung, die er mutmaßlich auch selbst anstrebt, steht im Zetrum meiner Überlegungen. Dabei ist Sprache alsbald als Mittel seiner Kolonialisierung auszumachen, während er mit Särgen London invadieren will: „»But, Count,« I said, »you know and speak English thoroughly!« […] »I thank you, my friend, for your all too flattering estimate […]. True, I know the grammar and the words, but yet I know not how to speak them.«” (Bram Stoker) Man könnte hier fast an Rancières Bestimmung von Sprache denken, „der Sklave ist genau derjenige, der die Fähigkeit besitzt, den Logos zu verstehen, ohne die Fähigkeit des Logos selbst zu besitzen […], der Sklave ist derjenige, der an der Gemeinschaft der Sprache teilhat einzig in der Form des Verstehens”… Literatur verhandelt dies – auch: die Schuld der Sprache.

Steffen Höhne (Weimar)
Kulturstädte im Vergleich. Czernowitz und Triest

Die Erinnerungen an die Kultur(en) der Habsburgermonarchie fokussieren und kondensieren sich in der Regel in den herausragenden Kulturstädten, in denen, insbesondere in der Moderne um 1900, die nationalen Grenzen sowohl akzentuierend und propagierend als auch transzendierend höchst fruchtbare kulturelle und künstlerische Innovationen entstanden. Ausgehend von der These, dass kulturelle Vielfalt, Heterogenität und auch Hybridität gerade der habsburgischen kulturellen Zentren als Stimulans kultureller Kreativität fungiert, soll vor dem Hintergrund aktueller kulturstadtpolitischer Diskurse ein vergleichender Blick auf zwei aus Wiener Sicht periphere Kulturstädte, Czernowitz und Triest, geworfen werden.

Réka-Sánta Jakabházi (Klausenburg)
Kronstädter deutsch-ungarisch-rumänische literarische Dialoge im Lichte der Autobiographie von Sándor Kacsó

Das literarische Leben von Kronstadt ist seit jeher als gemeinsamer mehrsprachiger literarischer Raum zu betrachten. In diesem Raum bildeten sich im Laufe der Zeit deutsch-, rumänisch- und ungarischsprachige literarische Subräume aus, die durch Institutionen (Verlage, Zeitschriften, Theater oder literarische Gesellschaften), über Personen (Autoren, Herausgeber, Verleger, Leser) oder durch eine gemeinsame diskursive Praxis eng miteinander verbunden waren. Die Memoiren von Sándor Kacsó (zwischen 1938 und 1940 Chefredakteur der ungarischsprachigen Zeitung Brassói Lapok) bilden eine wichtige Quelle zur Erforschung der diskursiven Praxis, die im transkulturellen literarischen Dialog in Kronstadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorhanden war. Ausgehend von diesen Memoiren versucht der Vortrag die deutsch-ungarisch-rumänischen literarischen Wechselbeziehungen in der Region neu zu perspektivieren.

Maria Klanska (Krakau)
Das Land „Utopia“. Vorwärtsgewandte Utopien im Schaffen Rose Ausländers

Bei Rose Ausländer kann man von der Utopie sowohl in Bezug auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft sprechen. Die regressive Utopie bezieht sich auf die „verlorene Heimat“ Bukowina, auf Czernowitz bis 1940, auf die Geborgenheit ihres Elternhauses und die Habsburgermonarchie. Dies ist ein Thema, das von der Forschung relativ oft behandelt wird. Ich habe mich hingegen auf die vorwärtsgewandte Utopie im Schaffen der Dichterin konzentriert. Wenn man die Dichtung der Bukowiner Dichterin als gespannt zwischen den Polen Erinnerung und Einbildungskraft betrachtet, dann befinden sich die der Utopie gewidmeten Gedichte am nächsten zum Pol Phantasie, Einbildungskraft, am fernsten vom jeglichen Mimetismus, obwohl man anmerken muss, dass auch das Erinnerte, insbesondere die Elemente des kulturellen Gedächtnisses eine wichtige Rolle dabei spielen.

Florian Kührer-Wielach (München)
Das andere Diesseits: Das sozialistische Bukarest als (U)Topos deutsch-deutsch-deutscher Reiseberichte und Landesbeschreibungen

In diesem Vortrag wird die Darstellung Rumäniens und insbesondere der Hauptstadt Bukarest in deutschsprachigen Reiseberichten und Landesbeschreibungen in den Jahrzehnten zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie die Stadt und ihr stetiger, von endogenen und exogenen politischen und ideologischen Entwicklungen und Brüchen bestimmter Wandel einem mitteleuropäischen – zumeist wenig informierten – Zielpublikum darstellt wird. Wie verändert sich die Beschreibung der walachischen Metropole von der stalinistischen Dej-Zeit über die liberale Früh- bis hin zur nationalistisch-autokratischen Spätphase der Ceauşescu-Ära? Wie wird das Verhältnis zu ländlichen Regionen, insbesondere innerhalb des Karpatenbogens, beschrieben? Wo brechen gesellschafts- und kulturkritische Passagen die im Grunde eher zur Eloge tendierende Struktur dieser Textgattung auf? Analysiert werden in West- und in Ostdeutschland erschienene Texte. Dabei werden auch Publikationen emigrierter rumäniendeutscher Autoren berücksichtigt und somit der „fremde“ Blick mit jenem des „Insiders“ kontrastiert.

Wojciech Kunicki (Breslau)
Ein frühneuzeitiger Regionalismus? Zlatna und Die Scheferei von der Nimphen Hercynie von Martin Opitz als Historisiertung der idyllischen Landschaften

Der Verfasser stellt die These auf, dass Martin Opitz, der Tradition u.a. von Sannazaro und Honore d`Urfé folgend, in den beiden Werken den Versuch einer Historisierung des Idyllischen unternahm, die als Vorbote der künftigen Realistik angesehen warden darf. Diese Tendenz wird vor dem Hintergrund von parallelen Entwicklungen in der polnischen regional geprägten Literatur (Bartholomäus Zimorowic) gezeigt.

Jacques Lajarrige (Toulouse)
Andere Zeiten, andere Orte. Überlegungen zu Soma Morgensterns ostgalizischen Jugenderinnerungen In einer anderen Zeit

Die aus dem Nachlaß größtenteils (re-)konstruierte Autobiographie In einer anderen Zeit ist eine posthum veröffentlichte, nicht abgeschlossene Sammlung undatierter und chronologisch ungeordneter Momentaufnahmen, die – gattungsmäßig zwischen Chronik, Anekdote und Feuilleton angesiedelt – das ländliche Leben im Ostgalizien der Jahre 1890 bis 1914 sowie Familienszenen, Situationen und Schauplätze von Soma Morgensterns Jugend schildern. Die meistens ungenannten Orte der Kindheit geben jedoch nicht nur den Rahmen eines verklärenden Blicks auf die Vergangenheit ab, sondern bilden ebenfalls ein Bruchstück jenes „Meridian[s] des Schmerzes und des Trostes“, den Paul Celan in seiner Büchnerpreis-Rede thematisiert hat. Ziel des Vortrags soll es sein, die Spannungen zwischen der absoluten Treue zur jüdischen Tradition und dem Modell der vollkommenen Assimilation, zwischen dem unveräußerlichen, Generationen übergreifenden Kulturerbe und den historischen Entwicklungen, die zum Untergang dieser utopischen Räume des Geistes führen sollten, zu beleuchten. Dabei soll den New Yorker- „Promenade“-Kapiteln, die über Kindheits- und Jugendjahre weit hinausgehen, kontrastiv besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, insofern sie aus der Distanz der Entwurzelung heraus der These einer „Ausgrenzung von Gegenwart und Zukunft“ (Klaus Weisenberger) zum Teil widersprechen.

Andrea Landolfi (Siena)
Mandryka oder Der Edle Wilde. Hofmannsthals Osten zwischen politischem Vorurteil und sentimentalischer Idealisierung

Nach einer kurzen Auslegung des Arabella-Librettos, seiner Entstehung und seiner überreichen Forschung im literarischen sowie musikologischen und historischen Bereich, wird meine Analyse sich auf die Gestalt des Mandryka als “Aussenseiter” konzentrieren. Parallel werde ich auf andere Figuren (Ochs, Bacchus, Helena u.a.m.) Bezug nehmen, die ähnliche “mythische” Merkmale aufzeigen. Hofmannsthals politische Äusserungen über das Problem der Nationalitäten und insbesondere der Beziehungen zwischen den diversen ethnischen Komponenten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie werden im Licht des literarischen Schaffens untersucht werden. Aus dieser Parallelanalyse wird sich herausfinden, wie weit voneinander politische Einsicht und poetische Sensibilität bei Hofmannsthal liegen.

Gerhard Langer (Wien)
Traum und Utopie im Werk von Soma Morgenstern

In „Der Tod ist ein Flop“ entführt uns Soma Morgenstern (1890-1976), der großartige und viel zu wenig gewürdigte Schriftsteller aus Galizien, am Ende seines Lebens in eine utopische Insel namens Edenia. In Edenia gibt es keine Uhren und keine Geburtstage. Damit versucht man dem Tod zu entweichen. Gemeinschaftlicher Besitz und soziale Absicherung, hoher Lebensstandard bei gleichzeitiger hoher Bildung stellen den Normalzustand auf der Insel dar. In „Der Tod ist ein Flop“ wird jedoch nicht nur das soziale Paradies beschrieben, hier äußert sich Morgenstern grundlegend zu Religion, zur Wissenschaft, zur Hoffnung des Menschen, eine Waffe gegen den Tod zu finden, ein Thema, das Morgenstern Zeit seines Lebens in seinen Werken beschäftigte, nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrung in der Zwischenkriegszeit und schließlich durch die Schoah, die ihn zu einem seiner wichtigsten Werke anregte, der „Blutsäule“. Dort steht am Ende die Hoffnung auf Jerusalem als lichtigem Ort nach den Gräueln. In „Der Tod ist ein Flop“ ist das irdische Jerusalem kein Thema mehr. Edenia ist eine Art „himmlisches“ Jerusalem. Die Aufmüpfigkeit der Menschen gegen den Tod ist das letzte Zeugnis eines Kampfes gegen den Zivilisationsbruch des 20. Jh.s, den Morgenstern recht anschaulich im Grunde dem Christentum zur Last legt, wie er überhaupt die vom Christentum dominierte Geschichte Europas negativ sieht. Als versöhnlichen Schluss lässt Morgenstern allerdings eine lange positive Sequenz über Johannes XXIII stehen, der nicht nur das Verhältnis gegenüber den Juden im 2. Vatikanischen Konzil neu ordnete, sondern selbst für die Rettung von Juden gesorgt hatte und ein Bußgebet für die Vergehen der Katholiken einführte.

Vivian Liska (Antwerpen)
„Die Umhergeworfenen, dennoch.“ Paul Celan und das Exil als Erfahrung und Metapher

Das Gedicht ist für Paul Celan der Ort, an dem „alle Tropen und Metaphern ad absurdum geführt werden wollen.“ Als ein „Gewolltes“ bleibt dieser Ort utopisch, doch gibt er die Richtung an, in die das Celansche Gedicht aus den Gemeinplätzen auswandert und sich auf Wanderschaft begibt. Der Topos des Exils gerät dabei selbst in Bewegung, verlässt seine Verortung in der angestammten Rede ohne sich auf neuem Boden zu begründen und wird in der Verschränkung von Erfahrung und Metapher zum literarischen Motiv, zur philosophischen Denkfigur, zum Politikum „im Lichte der Utopie.“ Diese Bewegung soll am Beispiel des Gedichts „Mit uns“ nachvollzogen werden.

Oxana Matiychuk (Czernowitz)
Naturraum als Inspirations- und Zufluchtsort in der deutschsprachigen bukowinischen Lyrik (am Beispiel ausgewählter poetischer Texte aus der Anthologie Die Buche)

Naturgedichte sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil der deutschsprachigen Lyrik aus der Bukowina. Die in der Zwischenkriegszeit in Czernowitz – ob in den Periodika oder als Einzelbände – publizierten poetischen Texte der damaligen Autorinnen und Autoren bezeugen eine ultimative Hinwendung zur Natur. Die Natur- und die Landschaftsbeschreibungen stellten bereits oft einen Gegenstand in der literarischen Bukowina-Forschung dar. Meine Untersuchung richtet sich vor allem auf die poetischen Texte in der von Alfred Margul-Sperber in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts erstellten, jedoch erst 2009 im IKGS-Verlag von G. Guțu, P. Motzan und St. Sienerth herausgegebenen „Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina“ „Die Buche“. Hier findet sich eine Fülle von Bildern, Symbolen, Methapern und Vergleichen, welche ein Beweis dafür sind, wie stark die Verbundenheit zwischen Menschen und Natur ist und wie groß einem oft die Diskrepanz zwischen dem menschlichen Alltag und der Welt des Natürlichen erscheint. Die verschiedensten Empfindungen, Lebenslagen, Alltagssituationen, aber auch die Geschehnisse des gesellschaftlichen Lebens werden durch die Vergleiche mit der Naturwelt reflektiert oder dem Harmonischen, Vollkommenen, ja Göttlichen in der Natur gegenübergestellt. In meinem Referat möchte ich vor allem auf die Gedichte der wenigen bekannten Autorinnen und Autoren eingehen, wie Salome Mischel, Siegfried Laufer, Jakob Schulsinger u. a.

Camilla Miglio (Rom)
Ingeborg Bachmanns utopische Geopoetik des östlichen Europas

Wie wichtig war Ingeborg Bachmanns Erlebnis der realen und einer imaginierten 'Osteuropäischen' Landschaft für ihre Poetik der "Literatur als Utopie"? Welche Rolle spielten die persönlichen Begegnungen, die ihre Osten-Erfahrung markiert haben? Zwischen Topographie und 'Outopos-logie' bewegt sich dieser Beitrag, der Biographie, Philologie, Geopoetik und Rhetorik im Ansatz zusammenwirken lässt.

Helga Mitterbauer (Bruxelles)
Imagines Galiciae. Leopold von Sacher-Masochs wirkmächtige Zentraleuropa-Bilder

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Leopold von Sacher-Masochs Galizische und Ghetto-Geschichten äußerst beliebt. Sie erschienen nicht nur im deutschsprachigen Raum in hohen Auflagen und zahlreichen Ausgaben, sondern wurden auch oft übersetzt. Ein Blick in den Katalog der Bibliothèque Nationale belegt, dass es in diesem Zeitraum keinen anderen österreichisch-ungarischen Autor gibt, dessen Werke so häufig ins Französische übertragen wurden wie jene von Sacher-Masoch. Der Beitrag basiert auf der These, dass seine Erzählungen durch ihre Popularität wesentlich das Galizien-Bild in Westeuropa geprägt haben. Er zeichnet die Genese der Imagines von Galizien anhand ausgewählter Originaltexte und deren französischen Übersetzungen nach und stuft deren Wirkmächtigkeit im Vergleich zu Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert und zu jenen Vorstellungen ein, die in Zeitschriften um 1900 verbreitet wurden.

Leslie Morris (Minnesota)
Reading Place, Placing Reading: Lesort/Ortslese

Der zweisprachige Titel hat die Absicht, auf das immer Provisorische und Tangentielle und "translational" am jüdischen Text zu verweisen. Statt auf jüdische Texte als einem ununterbrochen Bestehenden, beziehe ich mich mit dem Modell Dan Mirons auf das jüdische Schreiben als „einem Angrenzenden“, auf „Berührungspunkten“ Basierenden — das in Grenzzonen und Berührungspunkten Bezüge entstehen lässt. In meinem Vortrag wende ich mich einer Reihe von textuellen Korrespondenzen (d.h. Briefwechsel sowie literarische Korrespondenz) zwischen Paul Celan und Ilana Schmueli, Nelly Sachs, und Rose Ausländer zu, um jüdische Texte (oder wie immer diese Texte auch zu benennen seien) als "tangentielle" Teile eines Netzwerks zu lesen. Diese Leseart erlaubt es, Paul Celan, Rose Ausländer, und Ilana Schmueli nicht nur als post-Holocaust Dichter zu lesen, die den Verlust der Heimat Buchenland beklagen, sondern ihre Arbeiten vielmehr als Knotenpunkte im Netzwerk der immer umstellten Landschaft des deutsch-jüdischen Text nach 1945 zu verstehen und zu analysieren.

Joseph Moser (West Chester)
Der Blick von Außen - Czernowitz als westliche Kulturmetropole im Osten der Donaumonarchie.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Czernowitz als deutschsprachigem Kuturzentrum von 1848 bis 1940 und geht auch auf den Mythos der Stadt ein, der durch den „Blick von Außen“ weiter verklärt wurde. Neben einem kurzen geschichtlichen Überblick über das Entstehen des multikulturellen Czernowitz als ehemaliger Landeshauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina, sowie einer kurzen Behandlung der Entwicklung der jüdischen Nationalität und ihrer Beziehung zur deutschen Sprache in Czernowitz, behandelt dieser Vortrag die Enstehung des literarischen Mythos einer Stadt, die nach 1940 im Westen nur noch in der Vorstellung ihrer Schriftsteller existierte, und deren wichtigste Vertreter Paul Celan und Rose Ausländer im Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur eine ganz entscheidende Rolle spielten.

Herbert Ohrlinger (Wien)
Paul-Zsolnay-Verlag-Abend

Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, hatte es den Anschein, als sollte sich die Begeisterung des Sommers 1914, die in den Schützengräben versunken war, wiederholen. Diesmal jedoch gewendet zu einer umfassenden Verbrüderung mit revolutionär-pazifistischem Impetus. Davon mitgerissen wurden die aus einem zutiefst bürgerlichen Milieu stammenden wichtigsten deutschsprachigen Verleger dieser Zeit des Übergangs. Von Kurt Wolff zu Paul Zsolnay und darüber hinaus.

Ana Maria Pălimariu (Jassy)
Widerstand als U-topie in Ursula Ackrills Roman Zeiden, im Januar

Im Zeidner Rathaus streiten 1941 Siebenbürger Sachsen darüber, was sie tun sollten: ihre Loyalität zu Deutschland oder zu Rumänien erklären? Genau um diese Zeit findet in Bukarest der gewalttätigste Judenpogrom vom Süden Rumäniens statt. Der Volksgruppenführer Andreas Schmitt beschließt sich daraufhin der Waffen-SS anzuschließen. Nur Leontine versucht einen Widerstand zu leisten, was aber wirkungslos bleibt. – Nicht nur bringt der Roman diese zwei Parallelwelten an einem Tag zusammen, sondern auch setzt er die Idee eines Widerstands durch, die auf keinem geschichtlichen Dokument gründet. Anhand einer poetischen Verfremdung vermag diese Konstruktion zwar nicht die Geschichte zu überschreiben, dafür aber Neues zu ermöglichen: eine „erwünschte Öffnung zu gleichzeitig sozialen und individuellen befreiten Horizonten“ (Konzept der Tagung), die es damals nicht geben konnte, jetzt aber geben kann.

Andreas Pfützner (Wien)
Europadiskurse jüdisch-rumänischer Publizisten im Fin du Siècle:
Die Brociners und Schwarzfelds im Vergleich

Welche Rolle spiele Europa im Denken jüdisch-rumänischer Intellektueller im Fin de Siècle? War Europa Projektionsfläche einer Zukunftsvision, in der die Utopie einer staatsbürgerlichen Integration diskursanleitend war? Oder wurde die Zukunft des Judentums aufgrund des europaweit an Einfluss gewinnenden politischen Antisemitismus vielmehr in der Emigration und der Gründung eines eigenen jüdischen Staates außerhalb des Kontinents gesehen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, sollen in meinem Beitrag Pressepublikationen und Beispiele aus der Belletristik zweier jüdisch-rumänischer Familien, der Brociners und Schwarzfelds, herangezogen und ihre Diskurse rund um topographische Schlüsselbegriffe und damit verbundene jüdische Identitätskonstruktionen dargestellt werden.

Clemens Ruthner (Dublin)
K.u.k. Kolonial-Utopie in Zentralasien:
Alfred Kubins Fin-de-Siècle-Schlüsselroman "Die andere Seite" (1909)

Der österreichische Künstler Alfred Kubin (1877-1954) - ein "Organisator des Ungewissen, Zwitterhaften, Dämmerigen, Traumartigen" (Briefzitat von 1908) -, gilt als Großmeister der fantastisch-grotesken Federzeichnung und Buchillustration nach 1900. Sein einziger Roman Die andere Seite ist nicht nur eines der prägnantesten Beispiel der Jahrhundertwende-Fantastik und ein vieldeutiges Kompendium von Reizthemen der Frühmoderne: Identität und Alterität, Dekadenz und Apokalypse, Herrschaft und Exzess. Er entwirft ein "Traumreich" in den Tiefen Zentralasiens, dessen Utopie für Gesellschaftsflüchtlinge aus Zentraleuropa sich in einer Staatsallegorie der Habsburger Monarchie satirisch dekonstruiert.

Petro Rychlo (Czernowitz)
Utopische Körpertopographie in Paul Celans Gedichtband "Atemwende"

Der Vortrag widmet sich den symbolischen Darstellungen des menschlichen Körpers in Paul Celans Gedichtband Atemwende (1967). Zwei Bildwelten dominieren hier – imaginäre Fluss- und Meereslandschaften, die vorwiegend in grauen Farben gefasst sind und an Totenreiche erinnern --, und irreale Körperlandschaften, die oft zerstückelt sind und mit den Elementen der Naturlandschaft korrespondieren. Der menschliche Körper tritt in diesem Gedichtband Celans als eine utopische Traumlandschaft hervor. Natur- und Körperwelt überschneiden sich oft, so dass Naturlandschaften den menschlichen Körper und der menschliche Körper Naturlandschaften darstellen können. Fragmente und Teile des menschlichen Körpers bilden hier oft phantastische Topographien der Erinnerung und Orte des schmerzlichen Gedächtnisses.

Marc Sagnol (Paris)
Un film en cours sur Paul Celan, "Les eaux du Boug".

In dem sich noch in Erarbeitung befindenden Film, aus dem mehrere Ausschnitte hier vorgestellt werden, begibt sich der Autor auf Spurensuche Paul Celans in seiner Geburtsstadt Czernowitz, wie auch der Verschleppung seiner Mutter Fritzi Schrager in die Vernichtungslager am Bugufer, im von Rumänien besetzten Transnistrien und auch jenseits des Flusses, in die von den Deutschen besetzten Gebiete der Ukraine. Er beruft sich insbesondere auf die Aussage Philipp Kellmers, Mithäftling und Zeuge der Deportation von Fritzi Schrager nach Michailowka und eines der wenigen Überlebenden dieses Lagers, der zur Zeit in Paris lebt. Der Film läuft auf Französisch; die anschliessende Diskussion findet auf Französisch und Deutsch statt.

Frank Schablewski (Düsseldorf)
Bukowiner Dichter im Rimbaud Verlag. Lesung und Kommentare

Immanuel Weißglas: Aschenzeit, Gedichte Bd. 2 der Reihe Bukowiner Literaturlandschaft; Alfred Margul-Sperber: Ins Leere gesprochen, Bd.12 ; Moses Rosenkranz: Visionen, Gedichte, Bd. 14; Jugend - Fragment einer Autobiographie; Gregor von Rezzori: Blumen im Schnee, Bd. 17; Alfred Kittner: Der Wolkenreiter Gedichte 1925-1945, Bd. 18; Ilana Shmueli: Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt, Gedichte, Bd. 36 und Sag, daß Jerusalem ist. Über Paul Celan, Bd. 52; Robert Flinker: Der Sturz. Roman, Bd. 64; Heinrich Detering: «Der Tod ein deutscher Meister». Immanuel Weißglas’ frühe Gedichte, Bd. 68; Elisabeth Axmann: Glykon, Gedichte, Bd. 65; Dan Pagis: Erdichteter Mensch, Gedichte, Bd 73.

Sigurd Paul Scheichl (Innsbruck)
Gustav Freytag und die ungarische Revolution von 1848. „Eine Familie zu Nagy Enyed“

Selbst für einen Schlesier, der immerhin am Rande des deutschen Sprachraums aufgewachsen ist, war die ethnische Situation im Südosten Europas schwer durchschaubar. So sieht Freytag in seiner – zu Recht – wenig bekannten Erzählung „Eine Familie zu Nagy Enyed“ von 1849 die Situation in Ungarn im Revolutionsjahr 1848 nur unter dem Gesichtspunkt des Kampfes der Madyaren um die Freiheit gegen Habsburg und stellt „Walachen“ wie Siebenbürger Sachsen als verächtliche Bundesgenossen der Tyrannen gegen die Freiheitshelden dar. Eine blutige Episode des Jahres 1849, die Belagerung von Aiud (Nagy Enyed), ist der Hintergrund der tendenziösen Erzählung, in der Freytag Strategien der Unterhaltungsliteratur nützt. Andererseits ist Freytag in diesem Text noch ganz und gar nicht der ‚nationale Dichter’, als der er in den Literaturgeschichten figuriert, sondern vertritt konsequent liberale Positionen.

Elmar Schenkel (Leipzig)
Flucht vor der Moderne. Britische Reisende in Siebenbürgen

Bram Stoker brachte Siebenbürgen auf die Landkarte der Phantasien und Ängste des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Ire war selbst nie in diesem Land gewesen, doch nährte er sich geradezu vampirhaft von den Berichten, die frühere Reisende von dort mitbrachten, so Charles Boner oder Emily Gerard. Dracula (1897) war eine Antwort auf Modernisierung als Verdrängung von Triebhaftigkeit, aber auch auf die beginnende Globalisierung. Der Vampir, der zum Terroristen wurde, kam aus einer idyllisch-rückständigen Landschaft, die von nun an immer wieder britische Reisende anlocken sollte. Insbesondere Patrick Leigh Fermor, der in den 1930ern Europa und auch Siebenbürgen durchwanderte, brachte weitere Reisende auf diese Spur in eine archaische Welt, etwa Michael Obert, Nick Hunt oder William Blacker. Als Kronzeuge soll schließlich ein Prinz dienen, nämlich Prince Charles, der Siebenbürgen als Zuflucht vor der Moderne und Ort nachhaltigen Wirtschaftens und Schaffens wählte, ganz zu schweigen von seiner verwandtschaftlichen Verbindung mit Dracula.

Walter Schmitz (Dresden)
„ICH – der Zauberkünstler“. Recherche mitteleuropäischer Autorschaft in Gregor von Rezzoris Die Toten auf ihre Plätze. Tagebuch des Films ‚Viva Maria‘

„Czernowitz läßt mich nicht los“ – Gregor von Rezzoris „Tagebuch des Films ‚Viva Maria‘“, den Louis Malle in Mexico mit Starbesetzung drehte, ist zugleich des Tagebuch einer Neuerkundung von Rezzoris mitteleuropäischer Autorschaft. Im „Balkan Amerikas“ entwickelt sich ein Mythos, der seine Gültigkeit in „einer außer Betrieb gestellten Zeit“ bewähren wird. Das Resultat der poetologischen Selbsterkundung des Filmtagebuchs ist zweifach: Der Mythos entsteht aus einer veränderten intermedialen Konstellation; er gewinnt seine Gegenwart nicht mehr im Wort der Literatur, sondern in den Bildern des Imaginären, wie sie der Film schafft. Die Produktion des Mythos aber, die im literarischen Tagebuch erkundet wird, schafft eine sich ebenfalls ‚zeitlos‘ wiederholende Konstellation des Sozialen, in der der Autor seine Rolle im Film einbüßt, als ‚heimatloser‘ Außenseiter aber zur Reflexion im Wort fähig wird: Das ist die variiert wiederkehrende Urszene von Gregor von Rezzoris mitteleuropäischer Autorschaft.

Hans-Jürgen Schrader (Genf)
Zeugenschaft des Untergangs und utopische Projektion.
Zu Joseph Roths galizischen Feuilleton
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Ungern nur und nur in seiner Kindheit hat Roth in der zurückgebliebenen Welt der galizisch-jüdischen Stetl gelebt. Nach der Vorzugsmatura am deutschsprachigen Zweig des Kronprinz-Rudolf-Gymnasiums Brody hat er sie 1913 schleunigst verlassen, ist nur peripher, als Soldat 1917/18, wiedergekehrt – unter den Auspizien ihres endgültigen Untergangs. In seinen Feuilletons, besonders fürs „Prager Tageblatt“, dann für die „Frankfurter Zeitung“, ebenso wie in vielen seiner Romane und Erzählungen, für die sie anekdotische Vorübung waren, aber trauert er ihr aus ethnographischem Blickwinkel in der Rolle eines letzten Zeugen nach – als dem Rückzugswinkel einer verlorenen Humanität vor dem Zerfall in mörderische Nationalismen. Zu erörtern sind Konstellationen, Darstellungsweise und Gründe.

Mihai I. Spariosu (Georgia)
The Exilic-Utopian Imagination in Musil's "Der Mann ohne Eigenschaften"

This paper presents Musil’s literary masterpiece as a brilliant example of the “exilic-utopian imagination” in the Modern Age. The novel shows how the modernist, utopian project of Kakania (Austro-Hungarian Empire) is generated by an exilic consciousness that attempts to compensate for its groundlessness, perceived negatively, as ontological void. The “Patriotic Parallel Campaign” to prepare the celebrations for the 70th anniversary of Franz Joseph’s coronation reveals a moral and intellectual void that myriad idealist and/or practical schemes struggle in vain to cover up. Although it seems initially to favor a “Year of Peace,” the Campaign eventually founders on this void, and the military-industrial establishment steps into the vacuum, thus setting the stage for World War I.

Pál S. Varga (Debrezin)
Vergangenheit als Utopie. Identitätsverlust und Identitätsstiftung
an der Schwelle der Moderne

Im Vortrag werden ungarische Romane der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt (Ehemann und Ehefrau von Zsigmond Kemény, Der letzte Herr eines alten Herrenhauses von Pál Gyulai, Die Belagerung von Bistritz von Kálmán Mikszáth, Der alte gnädige Herr von Géza Gárdonyi), die die subversive Einwirkung der gesellschaftlichen Modernisierung thematisieren, die zur Verlust oder Virtualisierung der tradierten identitätsstiftenden historischen Narrativen des Adels führte, bzw. eine ablehnende Einstellung des Bürgertums gegenüber der vom Adel geprägten Vergangenheitsutopie auslöste. Die Konfrontation von Gedächtnisstrukturen unterschiedlicher ethnokultureller Gruppen spielt dabei auch eine Rolle. Die ausgewählten Werke thematisieren die Folgen des gescheiterten Vergangenheitsdiskurses abwechslungsreich dar.

Gonçalo Vilas-Boas (Porto)
Blicke auf Mittelosteuropa: von deutschsprachigen Reisetexten bis zum Krimi

Man reist in die Fremde, diese wird aber von jedem, laut eigener Enzyplopädie und eigenen kulturellen, sozialen, historischen Kontexten, individuell konstruiert. Die gleiche Fremde wird also von verschiedenen Reisenden immer anders erlebt. Es sind keine Nationen oder Kollektive die reisen, die erleben, sondern Individuen mit eigener Identität, auch wenn Diskurse über die Anderen eine Rolle spielen können. Ich möchte mich hier auf Blicke von deutschen und schweizerischen Reisenden nach Mittelosteuropa eingehen, die ihre Reisen auf Texte ‚über-gesetzt‘ (Opitz) haben, um Differenzen und Ähnlichkeiten festzustellen. Wichtig bei der jeweiligen Konstruktion der bereisten Gegenden sind auch die Bilder, also die Stereotype, die man über den Anderen kennt und jetzt mit der konstruierten Wirklichkeit konfrontiert. Es entstehen Bilder, die von einer U-topie bis zur Dystopie, vom Mythos bis zur sachlichen Beschreibung gehen können. Diese Reise mit Texten endet mit einem Krimi von Paul Grote, dessen Handlung in Rumänien stattfindet. Als außenstehender Leser von Texten deutschsprachiger Außenstehender über Andere lese auch ich anders als Andere. Lesen ist individuelle Reisen anzutreten.

Tobias Weger (Oldenburg)
Jenseits des großen Stroms. Die Dobrudscha in Reiseführern, Reiseberichten, Landesbeschreibungen und literarischen Verarbeitungen des 19./20. Jahrhunderts. Projektionen, Wahrnehmungen, Stereotypen

Für viele west- und mitteleuropäische Reisende, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert im südöstlichen Europa unterwegs waren, bildete die Donau eine mentale Grenze – begann doch jenseits dieses großen Stromes mit der Dobrudscha ein Gebiet, das mit seiner multiethnischen Bevölkerung, seiner starken osmanischen Prägung und – bis zum Bau der Eisenbahnverbindung zwischen Boğazköy/Cernavodă und Köstence/Constanţa – seiner verhältnismäßig schwachen Verkehrserschließung deutlich vom Standard der Fürstentümer Walachei und Moldau abwich. Gleichzeitig wurde die Dobrudscha immer wieder zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten. Der Vortrag untersucht anhand von Apodemiken, Reise- und Landesbeschreibungen und ausgewählten literarischen Verarbeitungen unterschiedliche Wahrnehmungsmuster von einem vielfach als „exotisch“, „fremd“ oder doch zumindest sehr ungewohnt empfundenen Raum, indem allerdings auch nach den Spuren lange zurückliegender Phänomene, etwa der griechischen Handelskolonien, der römischen Militärposten oder des Exils des Dichters Ovid, gesucht wurde.

Manfred Weinberg (Prag)
„Böhmen liegt am Meer“. Vom U-Topos eines anderen Europas (Shakespeare, Bachmann, Moníková)

Die Verortung Böhmens am Meer geht auf einen „produktiven Irrtum Shakespeares“ (Moníková) in dessen Winter’s Tale zurück. Von da an zieht sich der Topos durch die Literaturgeschichte. Besonders wirkmächtig wurde Ingeborg Bachmanns Wiederaufnahme in dem (ausgerechnet im legendären Kursbuch 15 von 1968, in dem vermeintlich der Tod der Literatur ausgerufen wurde publizierten) Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Auf Shakespeare und Bachmann hat schließlich Libuše Moníková ihren „europäische[n] Traum“ gegründet, der der „wirren, katastrophalen Vielfalt von Europa“ Böhmen als „das unerreichbare Reich der Poesie am Horizont“ entgegenstellt. Der Vortrag folgt der Geschichte des Topos „Böhmen am Meer“ und erweist ihn als utopisch-literarischen Gegenentwurf zur Katstrophengeschichte des europäischen Kontinents.

Michael Werner (Paris)
Auf und zu, wohin, woher? Räumlichkeit und Bewegung in kulturellen Repräsentationen

Im Vortrag wird versucht, der räumlichen Dimension in den Vorstellungen kultureller Prozesse nachzugehen. Dabei geht es zum einen um die Strukturierung von Orten und Plätzen, ihre Öffnungen und Abgrenzungen und um das Verhältnis von verschiedenen Orten zueinander, die gewissermaßen ein räumliches System bilden, das zum Beispiel nach der Logik von Zentrum und Peripherie oder als polyzentrisches oder mehrschichtiges Gebilde organisiert ist. Zum anderen werden Bewegungsvorgänge in den Blick genommen, die mobile Raumverhältnisse produzieren, etwa Übergänge, Verlagerungen und Verflechtungen. In den meisten Fällen wird es darauf ankommen, die scheinbare Natürlichkeit der Raumvorstellungen zu dekonstruieren und die kulturellen Praktiken zu analysieren, welche die sozialen Räume der Kultur und der Literatur konstituieren. Die herangezogenen empirischen Beispiele werden der europäischen Kulturgeschichte der letzten zweihundert Jahre entlehnt.

Markus Winkler (Berlin)
„zu erörtern versuchte, was […] Ortslosigkeit war“.
Paul Celans Begegnungen mit Leon Kellner. Eine Annäherung

Der Vortrag behandelt die in der Forschung bisher nicht beachtete Beziehung von Paul Celan zu Leon Kellner. Der Anglist, Zionist und Sozialpolitiker Kellner, Gründer der Toynbee-Hallen in Wien und Czernowitz, entfaltete offenbar in den 1930er Jahren eine Wirkung auf den jungen Celan, die dieser noch zwei Jahre vor seinem Tod in einer Äußerung bestätigt. Somit zählt auch Kellner zu jenen Figuren, die den Meridian des Herkunftsortes Czernowitz bestimmen und denen Celan in Briefen und Widmungen gedenkt. Der Vortrag befasst sich mit der Tätigkeit Kellners in Czernowitz und stellt mögliche Verbindungslinien zu Celans Schaffen und Gedankenwelt zur Diskussion.

Yvonne Zivkovič (Cambridge)
Jenseits von Nostalgie. Der kritische Mitteleuropadiskurs
in der österreichischen Literatur nach 1986

Als nostalgische Verklärung des einstigen Habsburgerreichs wurde der Mitteleuropa-Begriff in Österreich von kritischen Intellektuellen zumeist als Verdrängungsstrategie gegen die Aufarbeitung des Faschismus gesehen. Seit den 80er Jahren trugen Schriftsteller wie Karl-Markus Gauß, Robert Menasse und Doron Rabinovici zur Entwicklung eines neuen Europaverständnisses bei, welches die Ideale der Zivilgesellschaft beschwört, ohne die Vergangenheit zu verklären.

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